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Wendepunkte: Dieter Ammanns Triptychon Core – Turn – Boost

Konzertprogramm 19 LUCERNE FESTIVAL 2010

Sinfoniekonzert 9 | Mittwoch, 25. August 2010

VON MARK SCHULZE STEINEN

Das sinfonische Triptychon von «composer-in-residence» Dieter Ammann, das im heutigen Konzert uraufgeführt wird, reicht in seinen Anfängen zurück bis in das Jahr 2000. Seinerzeit nahm Ammann im Auftrag des Luzerner Sinfonieorchesters und seines damaligen Chefdirigenten Jonathan Nott mit der Komposition Boost ein Werk in Angriff, das als Ausgangspunkt für einen dreiteiligen Zyklus gedacht war; alle drei Teilstücke sollten allerdings unabhänging voneinander konzipiert sein und jeweils auch als eigenständige Partituren Geltung besitzen. Die ursprüngliche Konzeption erfuhr eine leichte Modifikation, als Ammann 2002 mit Core einen weiteren Satz des Zyklus komponierte. Denn während der Arbeit an diesem Satz stellte er vereinzelt Bezüge zur Musik der früher entstandenen Kompositionen her – nicht primär im Sinne von Zitaten oder durch die Verarbeitung und Weiterentwicklung identischen Materials, sondern aufgrund von vergleichbaren klanglichen, harmonischen oder rhythmischen Texturen. Beide Stücke – darunter Core als Weltpremiere – wurden bei LUCERNE FESTIVAL im Sommer 2002 erstmals einander gegenübergestellt. Mit der Uraufführung von Turn, das als Mittelsatz angelegt ist, kann Ammanns Werk heute in seiner endgültigen Gestalt präsentiert werden.

Über Boost, dessen Titel der Komponist im Sinne von «Druck erhöhen» oder «Spannung verstärken» versteht, schrieb Ammann anlässlich der Uraufführung: «Sinfonisches klingt an, gewinnt die Oberhand, wird gebrochen durch extreme Höhen, Geräuschhaftes. Klangflächen stehen gegen Motorisches, Stillstand gegen Schübe, Wandlungen gegen Brüche – ein dramaturgischer Verlauf entsteht. Die Emotionen werden heftiger, die Ruhepunkte immer weniger, bis sich die aufgestaute Spannung entlädt. Von der vormaligen Komplexität des Satzes bleibt einzig ein verlöschendes Pulsieren, in welchem das Stück endet.» Die Vielfalt des von Ammann mit virtuoser Hand zu einem bezwingenden musikalischen Verlauf von hoher Ereignisdichte gefügten Materials scheint sich auch aus der künstlerischen Biographie des Komponisten erklären zu lassen: Seine ersten Musiziererfahrungen erfolgten «nicht nach Noten, sondern nach Gehör», wie er betont. Nach der Matura nahm Ammann in Luzern ein Studium der Schulmusik auf, war als Musiker längere Zeit im Bereich der Improvisierten Musik und des Jazz tätig, studierte in Basel schliesslich Komposition und belegte ergänzende Meisterkurse bei Wolfgang Rihm oder Witold Lutoslawski. Eine an Einflüssen derart reiche musikalische Entwicklung musste selbstverständlich in die Bahnen einer persönlichen Klangsprache gelenkt werden – mitunter auch durch Abgrenzung: So hat sich Ammann von der Aleatorik Lutoslawskis schnell abgewandt, weil er sich als Komponist für jedes Detail eines musikalischen Werks verantwortlich fühlt. Auch seine Erfahrungen als Jazzmusiker sind für Ammanns vielfach mit Preisen ausgezeichneten Kompositionen nicht mehr wirklich relevant, wenngleich seine mit tonalen Wertigkeiten spielende Musik, die Konsonanzen und Dissonanzen verbindet, das mitunter vermuten lässt.

Bei der Komposition von Core bezog sich Ammann nicht nur auf das Material aus Boost, sondern auch auf die Musik des Improvisations-Trios Koch-Schütz-Studer, das einen Teil des Konzerts bestritt, in dessen Rahmen Core 2002 uraufgeführt wurde. Dabei ging es ihm darum, «von Natur aus völlig heterogenes musikalisches Material durch gegenseitige Durchdringung zu einer homogenen unauflöslichen Einheit zu formen». Ammanns Anverwandlung des musikalischen Material von Koch-Schütz-Studer verfolgte das Ziel, «die verschiedenen musikalischen Zellen ihrer [...] Herkunft zu entledigen, sie damit quasi zu ‹entgrenzen›, um sie in der Folge neu zu beschreiben, also zu entstellen bis zur Kenntlichkeit – zur Kenntlichkeit der eigenen musikalischen Sprache».

Das als «Adagio» konzipierte neue Mittelstück Turn bezeichnet Ammann als «kompositorische Herausforderung». Während seine Musik ansonsten meist linear erdacht ist und von starken rhythmischen Impulsen geprägt wird, konzentriert sich der Komponist hier auf die vertikale Organisation des Materials, auf die Entfaltung harmonischer und instrumentaler Valeurs. Dennoch liegt auch Turn ein dramaturgisch geplanter Ablauf zugrunde. Dieter Ammann erklärt: «Ich habe ein formales Konzept entwickelt, das eine bewusste Überfrachtung des Orchestersatzes exponiert, um so eine musikalische Aura zu schaffen, die in der Folge dann einer grundlegenden Veränderung unterzogen bzw. völlig gebrochen wird.» Auf diese Konzeption verweise schon der Titel des Stücks: Denn «genau dort, wo die Musik für den Hörer ganz eindeutig, leicht fasslich wird, passiert der ‹Turn›, ein Wendepunkt, an dem die Klanglichkeit völlig implodiert und abrupt in ein anderes Klangbild umschlägt. Das ist vergleichbar mit einer Szenerie auf der Bühne, wenn Beleuchtung und Technik schlagartig eine neue Atmosphäre schaffen».

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